Über das Schreiben

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Ich bestehe nicht aus Texten, sondern aus Molekülen und Varianten, aus elektrischen Auf- und Entladungen, und daneben noch aus Anlässen, Ursachen und Voraussetzungen. Mein Geschriebenes hängt nicht voraussetzunglos im immanenten Textraum, sondern ist Ausdruck dessen, was ich träumte und erlitt. Insofern ist es ausdrücklich erlaubt, von meinen Texten auf mich zu schließen. Dass diese Erlaubnis kein Freibrief für naive 1:1 Deutungen bedeutet, steht dabei außer Frage. Aber zu glauben, es entstünden Texte aus sich selbst heraus und der Schriftsteller sei lediglich ein Art Medium des voraussetzungslosen Textes, halte ich für nicht minder naiv, ja nachgerade für magisch-infantiles Denken. Ärgerlich wird es, wenn dieser naive Textimmanenzglaube sich auch noch avantegardistisch frisiert und jeder, der an solch eine Magie nicht glaubt, zum Dümmling gemacht wird.

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Dass bedeutet keineswegs, dass der Autor eine höchstauktoriale Kontrollinstanz für alle Facetten seines Textes darstellt, dass er die totale Kontrolle über den Text hat. Wer das glaubt, der glaubt das auch über sich selbst. Beides ist bei mir nicht der Fall. Wir sind uns und unseren schwer zu kontrollierenden Äußerungen doch hin und wieder selbst fremd. Und haben davor, vor dieser Fremdheit auch Angst. Meine Literatur ist möglicherweise sogar als Ausdruck dieser Angst zu verstehen. Aber: es sind meine Ängste, meine Fremdheitsgefühle, mein Frösteln, nicht die irgend eines Textes.

DIE WAHRHEIT LIEGT IN DER MITTE

Nichts ist desaströser als dieser dumme Spruch. Folgte man ihm, dann wäre die Erde ein Halbkugel mit einer Scheibe „oben“, und einer Halbkugel „unten“. Oder umgekehrt. Die einen sagen ja, die Erde sei annähernd eine Kugel mit abgeflachten Polen, die anderen aber sagen, die Erde sei eine Scheibe. Folglich kann die Erde nur eine Halbkugel sein. Denn: Die Wahrheit liegt ja in der Mitte…

HEIMKEHR NACH TIPASA

Gestern war ich in Begleitung der Mutter meiner Kinder in Lübeck. Wir gingen in das Restaurant „Tipasa“. Der Name ist Albert Camus Essay „Heimkehr nach Tipasa“ entnommen.

Das „Tipasa“ ist seit 40 Jahren eine Lübecker Institution und so ging ich auch dorthin, um meiner Begleitung kulinarisch meine Jugend zu erzählen. „Heimkehr nach Tipasa“ eben. Ich dachte, dort die junge Generation zu treffen, gewissermaßen meine Nachfolger. Nichts stimmte weniger als das. Alle Gäste waren gleichalt oder älter als ich. Und hatten dieselbe Intention: Ihrer Begleitung die Pizzeria ihrer Jugend zu zeigen. Am Nebentisch erzählte gar eine Frau einem älteren Mann, der vom Dialekt her fraglos ein Berliner war, vom berühmt-berüchtigten Knoblauchbrot! Beinahe hätte ich sie angesprochen und auf den ironischen Umstand verweisen, dass auch ich gerade einer Berlinerin im „Tipasa“ die Welt erklärt hatte.

Ansonsten hat sich weder die lange Wartezeit, noch die beige-braune, schmutzige Tapete mit den stilisierten Höhlenmalereien geändert. Sogar das Straßenschild finde ich unverändert wieder. Interessant fand ich, dass der Trailer auf der Karte zwar auf die fast 40-jährige Geschichte der alten Lüpbecker Szene-Pizzeria verweist, nicht aber auf die berühmteste Wirtin, nämlich Marianne Bachmeier. Genau jene Frau, die den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter im Lübecker Landgericht erschossen hat. Damals wussten das alle Kunden des „Tipasa“s. Und aßen meistens auf. Guten Appetit!

Nun denn… Süßer Vogel Jugend, Du warst auch nur ein Knoblauchbrot mit langer Wartezeit in der Kneipe einer Rächerin. Und doch ist ein Knoblauchbrot die Jugend und Welt in einem. Zumindest ein Knoblauchbrot im „Tipasa“…

Muster Freakshow

Vorbemerkung: Hier das Rudiment eines Textes, den ich unmittelbar unter dem Einfluß der Vorgänge am und im Capitol schrieb. Und den ich dann doch nicht veröffentlichte, ich weiß gar nicht mehr so genau wieso.

Es ist also ein nicht aktueller Text, ganz ohne Redigat. Und doch habe ich wenig zu zurückzunehmen. Vor allem meine damalige Einschätzung, dass Trumps Programm bleibt, bemühen Biden und Harris sich beinahe täglich zu bestätigen. „America first!“, das ist auch Bidens Politik. Er drückt sich nur elaborierter aus.

FREAKSHOWS SIND EBENSO LÄCHERLICH WIE GEFÄHRLICH

Ich las für einige Tage nach dem 06.01.2021 auf meiner Facebooktimeline auf und ab, der Sturm auf das #capitol zeige, dass man Trump nicht verharmlosen dürfe.Aha…Und wer bitte soll das die letzten vier Jahre getan haben? An der Grenze zur Verharmlosung empfand ich allein diejenigen, die uns in den letzten vier Jahren unentwegt angeblich „unterkomplexe“ Vergleiche zwischen der aktuellen, populistisch dominierten, politischen Bewegungen und der deutschen Geschichte verboten haben. Eine konzertierte Aktion, die dann glücklicherweise doch im Sande verlief, erklärte solche Vergleiche gar zu einer „Verhöhnung der Opfer des Narionalsozialismus“. Und dabei sind die Muster der Neuen Rechten einst und jetzt so entsetzlich ähnlich. Bei allen ebenfalls zu registrierenden Unterschieden. Zieht man für das Capitol mal den „verbotenen“ Vergleich, so zeigt sich für mich eins: Trump fehlte die Prätorianergarde. Es war eine semispontane, semikalkulierte Aktion ohne perspektivischen Tiefenplan. Feldherrnhalle fiel mir und vielen anderen spontan ein (schon wieder so ein böser Vergleich…). Ergo: Eine Freakshow! Nur können Freakshows eben auch dem Wahnsinn vorangehen, an dem sie selbst ja schon in etwas harmloserer Form leiden. Das gilt nicht für jede Freakshow. Die meisten leiern aus, versinken im Orkus der Geschichte und hinterlassen verkrachte und Abusus betreibende Existenzen. Die Freakshow der Feldherrnhalle endete bekanntlich anders. Sie zündete ein gutes Jahrzehnt später die ganze Welt an. Und sie schaffte das, weil nicht nur die Freaks, sondern auch die Bürger mitzündeten. Ihrem inneren Schweinehund die Sporen gaben. Zu Freaks wurden….Aus dem (vier Jahre lang eigentlich verbotenen) Vergleich schlussfolgere ich also messerscharf: Politische Freakshows sind gefährlich. Nicht jede. Aber eine prädikative Einordnung, die zwischen harmlosen Spinnern und gefährlich Enthemmten sicher unterscheiden kann, kann ich nicht bieten. Und andere auch nicht.

ACH JA……um das klarzustellen: Auch ich bin froh, dass Trump nicht mehr Präsident ist. Dass aber einer der Hauptgründe für seine Abwahl, nämlich sein katastrophaler Umgang mit der Pandemie, so gänzlich unbeachtet bleibt und statt dessen eine Zeremonie als Aufbruch gefeiert wird, die mit „kitschig“ noch relativ milde beschrieben ist, lässt mich skeptisch bleiben. Trump war kein ärgerlicher Betriebsunfall, der nun in Windeseile korrigiert wird. Er hat die Welt verändert, darüber besteht kein Zweifel. Und er wird bleiben, nicht unbedingt als Person, aber als Programm, als Gefahr.

Und eine der Hauptgaranten für diese ständige populistische Gefahr ist der weltweite Vorgang, der zunächst die Populisten zurückgedrängt hat: Die Pandemie. Aber die – auch durch die Angst mit bedingte – Einwilligung der Gesellschaft in die Massnahmen ist längst nicht mehr so einhellig wie zu Beginn der Pandemie.

EINE KURZREZENSION AUS DEN ROßBREITEN

„Der Irrweg“ von Martin Lechnr ist weniger ein Roman oder gar Epik, als vielmehr eine expressive Shortstory- und Kurzprosasammlung, deren umarmende Klammer die Metapher des Irrwegs ist – in allen Varianten von Fallstricken, die einem das Leben so in den Weg legt.

Irrlichternder Held ist Lars Gehrmann, Sohn einer alkoholkranken Mutter und deswegen nach nachbarlicher Denunziation im Visier des Jugendamtes.

Aber auch seine im Gegensatz zu ihm aus „bestem Hause“ stammenden Mitschüler, Söhne und Töchter mit bereits vorbestimmter, privilegierter Erwerbs- und Erbbiographie, nehmen ihn als nicht mithalten könnenden Underdog hoch. Ein zersoffener Auftritt der Mutter vor einer Gruppe von Schülern wird gefilmt und flitzt als Video durch alle Klassenchats. Lars flieht vor der digital geklonten und amplifizierten Wahrheit, die er selber kennt, in ein freiwilliges soziales Jahr in einer psychiatrischen Annstalt. Und trifft dort auf Menschen, Angestellte wie Patienten, die ihren eigenen Irrweg konsequent verfolgen und anderen auf deren Irrwegen gewissermaßen im Wege stehen. Allen voran die pyromanisch veranlagte, „schreckliche Hedwig“, in die sie Lars Gehrmann auf seinem Irrweg auch noch verlieben muß.

Erzählerischer Höhepunkt ist für mich Lars Rückkehr in die Schule. Er hält einen Vortrag über seinen Ur-Ur-Ur-Großvater und Lars schildert den Irrweg des Vorfahrs als ein Unfall, der jenen „befreit“ hatte „von sich selbst, von seinem Zwang, Gehorsam zu leisten und die Zukunft zu planen.“ Dabei bedient Martin Lechner sich der in der Medizin wohlbekannten Geschichte Phileas Gages, dem durch einen Spreng-Unfall das Frontalhirn teilweise ins Nichts geblasen wurde, und der dadurch planlos und orientierunglos auf einem nicht mehr zu kontrollierenden Irrweg geriet. Und der, so kann man vermuten, das Glück der Planlosigkeit, das Glück des Augenblicks erfährt, der ja nichts von einem Plan weiß. Die Zerstörung des Frontalhirns ist eine Katastrophe, die dem gelebten Augenblick wieder ins Boot holt. Mit diesem Schulvortrag gibt Lars auch selbst jegliche Sicherheit auf. Hart fällt das Urteil der rein leistungsorientierten Lehrerin aus. Sie fragt im Kapitel „Besprechung“: „Wie haben wir uns das übrigens vorzustellen, dieses Glück der Planlosigkeit, von dem Sie gesprochen haben? […] Glück, mein lieber Lars, ist Arbeit. Wer sich von jedem Moment herumpusten lässt wie eine Feder, der erreicht nichts, das ist die Wahrheit, gar nichts.“ Und zuvor ätzt die Lehrerin über Lars metaphorischen Stil. „Gedichte, das haben Sie sicher schon gehört, ][…] Gedichte schreiben nur die ganz großen Dichter.“

En passent entlarvt hier Lechner auch noch die Teile der Literaturkritik, die Textunverständnis hinter inhaltlich und stilistisch (ab)wertender Kritik verstecken. Und gleichzeitig ist Lechners Prosa im besten Sinn des Wortes engagiert, engagiert gegen die reine Instrumentalisierung jeder menschlichen Äußerung. Was ohne Plan und Ziel durchs Leben wankt und versucht, den Augenblick zu fangen, ist nutzloses Dasein. So will es die öffiziöse Doktrin der Leistungsgesellschaft. Lechners Figuren auf ihren Irrwegen sind das beste Gegenargument.

In Indien

gibts ein frisches Virus. Nur so angemerkt, damit uns allen nicht langweilig wird.

Das Narrenschiff dreht also erneut seine Runde, der Spaß geht weiter. In welchen Hafen werden wir dereinst wohl einlaufen dürfen? Oder müssen wir nach dem Ende der Party für ewig mit der gelben Pestflagge am Top auf Reede liegen?

POLITIK WIE LASCHET LEER

Mehr ist nicht zu sagen. Diesem kegelnden Karnevalsprinzen, dem bei jedem Pudelwurf die Elferratsmütze in Zeitlupe aus dem Gesicht kippt und der dennoch jedes Mal ein „Alle Neune!“ der eiernden Kugel hinterherruft, ist nicht mehr zu helfen. Und seinen Wählern wohl auch nicht mehr.

Ich denke bei Armin Laschet immer an den ebenso wahrnehmungsgestörten Rainer Barzel. Der hat auch nie seine Unpopularität begriffen. Sei’s drum. Das letzte Wort hat Clawdia Chauchat: „Adieu, mon prince carnaval!“

MANIFESTIERTER BLÖDSINN – über ein „Manifest für eine offene Gesellschaft“, das einen Mangel beklagt, den es gar nicht gibt

Immer, wenn ich eine Klage über den Zustand des öffentlichen Diskurses höre, wenn dieser Diskurs als angeblich „beengt“, gar als „unfrei“ bezeichnet wird, habe ich doch stark den Verdacht, dass man im Grunde nur die eigene Agenda durchzocken möchte.

So auch im neusten Mackwerk tapferer „Freiheits“Krieger, dem „Manifest für eine offene Gesellschaft“, das im Titel bereits das Fehlen einer solchen implizit behauptet.

In den Begleiterklärungen der Federführer wird es deutlich: Es geht den Manifestlern v.a. gegen einseitige Beratungen der Bundesregierung durch Epidemiologen und Virologen (so Franziska Augstein gestern in einem Interview). Gemeint sind natürlich die Herren Drosten und Lauterbach.

Aha… Die haben also den Diskurs vergiftet und verengt? Hab ich was verpasst? Ich dachte in meiner Naivität bisher nämlich, dass man diesen Vorwurf eher Herrn Hildmann machen muss. Er und seinesgleichen haben bekanntlich ohne jegliche Fachexpertise die Gesellschaft in immer neu Bullshit-Bingo-Diskussionen geführt. Auffällig hierbei die absteigende Tendenz der Einwandswertigkeit, – vom Bestreiten der Pandemie im Grundsätzlichen am Anfang bis zum Bemängeln der Einzelmaßnahmen im Detail aktuell.

Das lief im Einzelnen so: Nachdem zunächst die Erkrankung selbst dann deren Schweregrad gegen die Tatsachen geleugnet wurde, ging die bunte „Widerstands“truppe (nachdem die Haltlosigkeit dieser Einwände bewiesen war) dazu über, den Sinn jeder Gegen-Maßnahme klein zu reden, „skeptisch“ zu hinterfragen. Bis auch dieses Hinterfragen sich wissenschaftlich Einwand für Einwand nicht halten ließ. Egal. Irgend etwas wird sich schon finden. Je häufiger unseren Querdussels eine Falschannahme aufgezeigt werden konnte, desto absurder wurden ihre „Einwände“. Auf tell erlebte ich gar, dass mir jemand mit einer Sterbestatistik aus Schweden kam, die 200 Jahre zurück reichte. Was wollte er aus diesen Daten saugen? Vielleicht, dass die Epedemien des 19. Jahrhunderts doch um einiges schlimmer waren als die heutige Pandemie und man folglich heute übertreibe?. Auf den Gedanken, dass man Daten nur vergleichen kann, wenn sie halbwegs gleichartig gewonnen wurden, und dass sich überhaupt ein Vergleich einer heutigen Pandemie mit der Ruhr um 1850 aus naheliegenden Gründen verbietet, kam er nicht.

Immer wieder ist man auf dieses Bullshit-Bingo eingestiegen. Bis die Fachleute nach monatelanger Geduld genervt abgewunken haben. Dieses Abwinken nach Monaten wird dann natürlich als „Diskussionsverweigerung“ interpretiert. Junge, Junge! Man zerstört den Diskurs mutwillig, um dann dessen Zustand zu beklagen.Es bleibt einem nur noch Hamlet: „ist’s auch Wahnsinn, so hat’s doch Methode…“ Dumm nur und gefählich außerdem, dass es der Methode von Brandstiftern so sehr gleicht.

Bisher dachte ich immer, wenn von quer und/oder von rechts solche Klagen um angeblichen Verlust der Meinugsfreiheit kamen: Lass diesen armen Irren ihre Spielwiese! Das hält dieses System problemlos aus.

Aber die Pandemie hat eine gesellschaftliche Sprengkraft, die die der sog. Flüchtlingskrise weit in den Schatten stellt. Nehmen nun immer mehr Menschen wahr, dass durch das Jahr 2016 ihre Existenz nicht grundsätzlich gefährdet wurde, so wird das in der Folge der Pandemie ganz anders aussehen. Dafür muss man wahrlich kein Prophet sein. Also wird der gesellschaftliche Bedarf an „Schuldigen“ zunehmen. Was wiederum bedeutet, dass man den grassierenden Unwahrheiten über die Pandemie-Ursache und über die getroffenen Gegenmaßnahmen frühzeitig etwas entgegen setzen sollte.

Wobei mich eine Erfahrung, die ich gelegentlich hier auch schon hinterlegte, nie verlassen hat: Nämlich die Erfahrung des vergeblichen Einspruchs, wenn sich jemand auf der ganz großen Fahrt hinein in das Verschwörungsirresein befindet.